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  • Florian Janoske, Geiger und Geschäftsführer der Band Versengold
    Foto: Thorben Ziegler
    Im Gespräch mit
    Interview · Musikbusiness · Label

    Florian Janoske.

    Vom Beinahe-Aus zum eigenen Label: Florian Janoske über Versengold, Küstenkind Records und den Preis der Unabhängigkeit

    Versengold gehört heute zu den erfolgreichsten Bands der deutschsprachigen Folk- und Mittelalterszene. Mit „Eingenordet“ erreichte die Band 2026 erstmals Platz eins der deutschen Albumcharts. Hinter diesem Erfolg steckt jedoch längst nicht mehr nur Musik. Mit Küstenkind Records haben die sechs Musiker ein eigenes Label aufgebaut und damit einen Schritt vollzogen, der ihnen weitgehende unternehmerische Unabhängigkeit verschafft, zugleich aber auch das wirtschaftliche Risiko eines Releases auf die eigenen Schultern verlagert.

    Dass Versengold überhaupt einmal an diesem Punkt stehen würde, war keineswegs selbstverständlich. Als Florian Janoske 2010 erstmals mit der Band zusammenarbeitete, stand diese kurz vor der Auflösung. Nach dem Weggang der damaligen Sängerin Caro fehlte eine weibliche Stimme, die ursprüngliche Besetzung funktionierte nicht mehr wie zuvor. Eigentlich sollte noch ein letztes Themenalbum entstehen. Dann sollte Schluss sein.

    Stattdessen kamen Florian Janoske und Dan Mohler zunächst als Studiogäste hinzu. Aus einer Übergangslösung entwickelte sich eine neue Gruppendynamik und schließlich die Besetzung, mit der Versengold in den folgenden Jahren den Schritt vom gemeinsamen Musikmachen zum professionellen Unternehmen vollzog.

    Ein entscheidender Moment folgte 2013. Bei einem Bandmeeting beschlossen die Musiker, Versengold künftig zur obersten Priorität zu machen. Studien wurden pausiert, sichere Jobs aufgegeben, berufliche Alternativen zurückgestellt. 2015 folgte der Vertrag mit Sony, heute ist aus dem damaligen Verhältnis zwischen aufstrebender Band und Major-Label ein weitgehend selbstbestimmtes Dienstleistungsverhältnis geworden.

    Mit Florian Janoske habe ich über diesen Weg gesprochen: über musikalische Rollen, unternehmerische Entscheidungen, Verhandlungen mit einem Major, sechs gleichberechtigte Geschäftsführer und die Frage, warum ein Nummer-eins-Album allein noch nichts über den wirtschaftlichen Erfolg einer Veröffentlichung aussagt.

    „Eigentlich sollte danach Schluss sein“

    Du bist während der Produktion von „Dreck am Stecken“ zunächst als Gastmusiker zu Versengold gekommen. Nimm mich mit in diese Zeit: Wann wurde dir und der Band klar, dass es nicht bei dieser einen Produktion bleiben würde?

    Das war im Jahr 2010, als wir das erste Mal gesprochen haben. Die Band war damals kurz vor der Auflösung, weil nach dem Weggang von Caro eine weibliche Stimme fehlte und die verbleibenden Bandmitglieder einfach keinen passenden Ersatz finden konnten. Damals war Malte ja noch nicht alleiniger Frontmann. Dass das Ganze dann ohne weiblichen Gesang weiterging, war zunächst fast so etwas wie eine Notlösung. Eigentlich war der ursprüngliche Gedanke, noch ein Themenalbum mit dem Schwerpunkt „Räuber und Banditen“ aufzunehmen und sich dann im Anschluss endgültig aufzulösen.

    So kamen Dan und ich eigentlich nur als kurzfristige Studiogäste hinzu, die hier und da Ideen eingebracht und ausgeholfen haben. In der Zusammenarbeit ist aber eine Gruppendynamik entstanden, die sehr viel neue Energie entfacht und damit den Grundstein für unsere weitere Karriere gelegt hat.

    Du hast eine umfangreiche musikalische Ausbildung. Was musstest du trotzdem erst verlernen, um innerhalb einer Band deinen eigenen Platz zu finden?

    Ich glaube, „verlernen“ musste ich eigentlich nichts. Die Ausbildung, die ich von klein auf an verschiedenen Instrumenten, im Gesang sowie in Musiktheorie und Gehörbildung genießen durfte, war immer eine große Stärke, die ich gerne eingebracht habe.

    Vielmehr musste ich Neues dazulernen, um den Platz der Geige in so einem Bandkontext möglichst schlüssig und bereichernd für den Gesamtsound zu füllen. Dass ich neben einer klassischen Ausbildung auch einige Erfahrung im Bereich Folk- und Popmusik gesammelt hatte, hat mir dabei sehr geholfen.

    Aber natürlich ist jede Band anders. Die Rolle, die man als Geiger zu spielen hat, muss man daran anpassen. Alles, was man an seinem Instrument macht, muss am Ende irgendwie der Band als Ganzes und ihrem Sound dienen.

    Wenn das mit Geige nicht gelingt, bin ich froh, auch noch auf andere Instrumente ausweichen zu können. Dafür sollte man sich als Bandmusiker nie zu schade sein.

    Studium, Spieltheorie und Verhandlungstisch

    Du hast neben Musikpädagogik auch Politikwissenschaft studiert. Welche Verbindung siehst du heute zwischen diesem Studium und deiner Rolle in Verhandlungen mit einem großen Musikkonzern?

    Ich weiß nicht, wie das Politikstudium heutzutage strukturiert ist, aber zu meiner Zeit wirkte das alles noch relativ chaotisch und ein wenig konzeptlos. Das Thema ist so groß und betrifft jeden Lebensbereich. Insofern ist es schwierig einzugrenzen, was zum Studium dazugehören soll und was nicht.

    Ich habe mich immer sehr für Geopolitik und politische Theorie interessiert. Gerade im Bereich der Spieltheorie kann man einige sehr wertvolle Dinge lernen, die einem im Umgang mit Menschen, die strategisch denken und handeln, sehr helfen können.

    Das bereitet aber auch nur bedingt darauf vor, wie es ist, in einem Raum mit erfahrenen Verhandlern zu sitzen und einen Deal einzufädeln. Da spielen Instinkte, Chemie, Bauchgefühl, Sympathie und nicht zuletzt Erfahrung eine erhebliche Rolle.

    Als jemand, der da relativ krass ins kalte Wasser geschmissen wurde, konnte ich mir nur helfen, indem ich mich von erfahrenen Menschen im Musikgeschäft beraten ließ. Das beste Studium nützt nichts, wenn man keine Vorstellung von seinen Möglichkeiten und Spielräumen hat.

    „Ab jetzt hat die Band oberste Priorität“

    Ab welchem Punkt wurde aus dem gemeinsamen Musikmachen für dich unternehmerische Verantwortung? Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass du plötzlich einen zweiten Beruf hast?

    Wir hatten im Jahr 2013 ein ziemlich denkwürdiges Meeting mit der Band. Am Ende haben wir uns alle in die Augen gesehen und uns die Hand darauf gegeben, dass wir ab sofort mit oberster Priorität daran arbeiten werden, die Band zu unserer Haupteinnahmequelle auszubauen. Wir haben alle großes Potenzial in der Band gesehen, aber wir sind auch immense Risiken eingegangen. Ich habe ab diesem Moment mein Studium auf Eis gelegt. Pinto, also Thomas Heuer, hatte damals einen sehr lukrativen Vertriebsjob, den er tatsächlich gekündigt hat. Malte hat seinen beruflichen Werdegang im Bereich der Pädagogik nicht weiterverfolgt. Wenn ich mich recht erinnere, hat auch Alex seinen Job gekündigt.

    Rückblickend war das der entscheidende Moment, der für den Erfolg von Versengold über die Jahre maßgebend war. Du kannst die größten Talente in der Band haben, aber wenn keiner Zeit hat, dann wird das nichts mit der Musikerkarriere.

    Insofern ist die Frage nach dem zweiten Beruf eigentlich nicht ganz richtig. Ich habe Versengold ab diesem Punkt immer als meinen einzigen Beruf betrachtet.

    Vom Major-Deal zum eigenen Label

    Küstenkind Records veröffentlicht heute in Kooperation mit Hansa, Sony bleibt für den Vertrieb an Bord. Welche Aufgaben habt ihr selbst übernommen, welche bewusst bei euren Partnern gelassen und wo verläuft für dich die Grenze der Unabhängigkeit?

    Küstenkind Records ist unser Label, das wir vor mittlerweile knapp zwei Jahren gegründet haben. Bis dahin haben wir mit Hansa, damals hieß es noch RCA, als Label gearbeitet. RCA beziehungsweise Hansa ist Teil der Sony Group.

    Als wir 2015 den Vertrag mit Sony unterschrieben haben, war das natürlich ein Riesenschritt für uns. Ein Major-Deal ist für jede Band so ein Meilenstein, den man unbedingt erreichen möchte.

    Rückblickend war das auch alles richtig. Für unsere Karriere galten allerdings schon immer etwas andere Bedingungen als im „normalen“ Pop-Rock-Geschäft. Wir hatten zum Zeitpunkt der Unterschrift bereits eine loyale und relativ große Fanbase und hatten Alben in Eigenregie verkauft, die sich in den Top 30 der deutschen Albumcharts bewegt haben.

    Das hat uns von Anfang an einen größeren Hebel verschafft, den wir in den Verhandlungen auch genutzt haben.

    Den letzten logischen Schritt haben wir dann mit der Gründung unseres Labels gemacht. Der hat uns letztlich komplette Unabhängigkeit beschert, überträgt aber auch sämtliche finanziellen Risiken auf uns.

    Das sind gewaltige Summen, die für eine Albumproduktion und Promotion investiert werden müssen. Diese Risiken hätten wir 2015 einfach noch nicht eingehen können. Jetzt, 2026, sind wir dazu in der Lage und haben dafür extra eine Firmenstruktur geschaffen, in der sich das gut verwirklichen lässt.

    Das Interessante ist, dass Hansa und somit Sony weiterhin als Vertrieb an Bord sind. Die Grenzen zwischen Vertrieb und Label sind tatsächlich fließend. Im Wesentlichen ist für uns der Unterschied das finanzielle Risiko.

    Aufgaben, bei denen wir die Expertise von Sony schätzen, können auch weiterhin vom Konzern übernommen werden. Aber wir entscheiden selbst, wo das passiert und wo nicht. Und wir müssen am Ende natürlich dafür bezahlen.

    Das Geschäftsverhältnis zu Sony hat sich also verändert: von einem Abhängigkeitsverhältnis einer aufstrebenden Band zu ihrem Label hin zu einem Dienstleistungsverhältnis, bei dem Sony Aufgaben ausführt, die wir beauftragen.

    Sechs Musiker, sechs Geschäftsführer

    Wie sieht eine typische Woche als Geschäftsführer bei dir aus?

    Tatsächlich ist die Geschäftsführertätigkeit bei uns Bandmitgliedern so stark wie möglich reduziert.

    Wir haben mit Marcel einen super Mitarbeiter, der als Prokurist für unsere Firmen tätig ist und im operativen Tagesgeschäft viele Entscheidungen vorsondiert.

    Neben der finanziellen Unabhängigkeit war uns bei der neuen Firmenstruktur wichtig, einen Apparat zu schaffen, der es uns ermöglicht, so viel wie möglich bei unseren Familien zu sein und uns auf die Kunst zu konzentrieren.

    Gleichzeitig wollten wir das nicht über ein klassisches Management lösen, weil das wieder neue Abhängigkeiten geschaffen hätte.

    Deswegen liegt alle Entscheidungsgewalt am Ende bei uns sechs Bandmitgliedern. Wir überlassen Marcel aber gerne Spielräume, um den Aufwand für uns zu reduzieren. Da er bei uns fest angestellt ist, ist er an unsere Weisungen gebunden.

    Klassischerweise treffen wir uns jeden Mittwoch zu einer Videokonferenz und besprechen dort alle wichtigen Dinge, die sowohl unsere Unternehmen als auch unser künstlerisches Schaffen beeinflussen.

    An den anderen Tagen arbeiten wir je nach Bedarf an Konzepten und Plänen, machen Studio-Recordings oder Interviews wie dieses hier. Und bei jedem Thema, das mir einfällt, greife ich eigentlich zum Hörer. Ich habe einen sehr engen Draht zu Marcel, um den Kurs der Unternehmen auf einer Bahn zu halten, mit der wir als Band einverstanden sind.

    Deswegen gibt es so etwas wie eine klassische Woche eigentlich nicht. Die Aufgaben, die anfallen, sind jeden Tag andere und vor allem davon abhängig, welche Projekte und Ziele wir uns selbst setzen.

    Sechs Musiker sind zugleich Geschäftsführer. Wie trefft ihr geschäftliche Entscheidungen und was passiert, wenn ihr euch nicht einigen könnt?

    Wir organisieren uns hauptsächlich über unsere wöchentliche Telefonkonferenz. Entscheidungen werden dort initiiert und klar demokratisch entschieden. Jeder von uns sechs hat das gleiche Stimmrecht.

    Bei wichtigen Entscheidungen versuchen wir eigentlich immer, Einstimmigkeit zu erreichen. Wenn sich das partout nicht machen lässt, haben wir uns darauf geeinigt, auch die Entscheidung einer einfachen Mehrheit zu respektieren.

    Was ein Nummer-eins-Album wirtschaftlich wirklich bedeutet

    „Eingenordet“ ist als erste Albumveröffentlichung auf dem eigenen Label direkt auf Platz eins eingestiegen. Welches wirtschaftliche Risiko tragt ihr bei einem solchen Release selbst und was wäre anders gelaufen, wenn das Album auf Platz vierzig gelandet wäre?

    Die Albumcharts selbst sind eigentlich gar keine so aussagekräftige Metrik. Sie geben nur wieder, welcher Act in der jeweiligen Chartwoche den größten Umsatz mit Musik hatte.

    Man kann also auch mit geringem Umsatz eine hohe Platzierung belegen, wenn die Konkurrenz schwach ist.

    Die Platzierung ist daher mehr eine Prestigesache, die einem im Umgang mit öffentlichen Medien einen kleinen Wahrnehmungsboost verschafft.

    Unser finanzielles Risiko, das sich für ein Album im sechsstelligen Bereich bewegt, hängt vor allem vom tatsächlich generierten Umsatz ab, nicht vom Umsatz im Verhältnis zu anderen Künstlern.

    Wir müssen also eine bestimmte Anzahl an Tonträgern oder Fanboxen verkaufen oder eine bestimmte Anzahl an Streams erreichen, um die Investitionen wieder hereinzuspielen. Wenn man da hinter den Erwartungen zurückbleibt, kann es schnell sehr schmerzhaft werden.

    Zum Glück können wir auf eine extrem treue und loyale Fanbase setzen, die uns bei jedem Album aufs Neue wahnsinnig gut unterstützt.

    Den ganzen Business-Talk können wir im Grunde also ausklammern: Ohne Fans sind das alles bloß Luftschlösser.

    Wird Küstenkind Records künftig andere Bands unter Vertrag nehmen?

    Andere Bands bei Küstenkind Records unter Vertrag zu nehmen, hast du bisher als Idee für eine fernere Zukunft beschrieben. Was müsste passieren, damit daraus ein konkreter Plan wird, und bei welchen Künstlern würdet ihr trotz guter wirtschaftlicher Aussichten Nein sagen?

    Wir haben uns in den vergangenen Jahren mit Küstenkind sehr belastbare Strukturen aufgebaut, die jetzt im Platz-eins-Erfolg von „Eingenordet“ gemündet sind. Das ist schon einmal ein erster Meilenstein, der mir wichtig war, bevor wir anderen Bands unsere Expertise anbieten.

    Ich kann andere Künstler schlecht davon überzeugen, dass wir gute Arbeit machen, wenn wir nicht entsprechend Referenzen vorweisen können. Dafür war dieser Erfolg natürlich kritisch.

    Im Moment fehlt also eigentlich nur noch die passende Gelegenheit.

    Das müsste ein Act sein, hinter dem wir künstlerisch stehen und bei dem wir natürlich als Label auch Potenzial sehen. Dann müssen die anderen Gegebenheiten passen.

    Die Band darf nicht bereits unter bestehendem Vertrag stehen, muss Interesse daran haben, mit einem neuen Label einen neuen Weg einzuschlagen, und muss am Ende auch das Vertrauen in uns haben, dass wir ihre Vision und Ziele verwirklichen können.

    Das ist nicht mal eben so gefunden. Zum Glück haben wir es da nicht eilig, denn mit Versengold haben wir alle Hände voll zu tun.

    Beim Musikstil sind wir, glaube ich, relativ offen. Man muss allerdings einschränkend sagen, dass wir unsere Erfahrung insbesondere in unserer musikalischen Bubble gemacht haben und vor allem dort unsere großen Trümpfe ausspielen können.

    Ich glaube zum Beispiel, ein Hip-Hop-Act hätte weniger Interesse daran, bei Küstenkind unter Vertrag zu gehen, weil wir uns in dem Genre einfach zu wenig auskennen.

    Unabhängig vom Künstlerischen gibt es natürlich weltanschauliche Überlegungen, nach denen wir bewerten, ob wir eine Band signen oder nicht.

    Küstenkind wird auf jeden Fall nicht das nächste Rechtsrock-Label. So viel steht fest.

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