Ich habe ein alkoholfreies Bier getrunken. Ganz langweilig, und trotzdem war es etwas Besonderes. Ich saß allein an einer Bar und niemand wollte etwas von mir. Einfach nur ich und meine Gedanken. Ab und zu schaute eine Katze vorbei und ließ sich kraulen.
Jeder, der Kinder hat, weiß, wie nährend so ein Moment der Stille sein kann. Keine Listen, keine Rufe. Nur ich und mein Getränk.
Ich brauche das regelmäßig, diese Auszeit vom Alltag, vom Lärm und vom Trubel. Dann packen mein Mann, unsere Kinder und ich unsere Sachen und fahren fürs Wochenende weg. Spontan und ungeplant. An einen Ort, an dem ich an der Bar sitzen kann, während mein Mann mit den Kindern im Pool ist. Wo jeder das Richtige findet, ohne dass jemand dafür viel planen muss. Einer dieser Orte ist das Alion Beach Hotel in Ayia Napa auf Zypern.
Doch so einen Ort zu finden, ist nicht immer einfach, vor allem nicht in Ayia Napa, dem Ort für Party und Nightlife auf der Insel der Aphrodite.
Tagsüber wirkt die Stadt noch verschlafen, als würde sie sich sammeln für das, was nachts kommt. Als würde ein Tier die Muskeln dehnen vor der Jagd. Überall finden sich Bars und Restaurants, die mit bunten, meterlangen Menüs um ihre Kundschaft werben, daneben Souvenirläden. Vieles wirkt austauschbar und vorhersehbar. Und mittendrin liegt ein Friedhof.
Nach unserem kleinen Stadtbummel sitzen wir mit einem Glas Prosecco auf dem Balkon und genießen das Meer, den Wind und die Ruhe. Keine laute Musik, keine Animation. Niemand versucht, uns zum Mitmachen zu bewegen.
Das Hotel lässt uns in Ruhe, ohne dass wir uns allein gelassen fühlen.
Vielleicht ist genau das seine größte Stärke.
Ruhe ist heute fast schon ein Luxus geworden. Vielleicht fällt sie mir deshalb gerade hier so deutlich auf.
Das Alion Beach ist kein klassisches Familienhotel. Es gibt keinen Kinderclub, keine Wasserrutschen und kein Programm, das den Tag in halbstündige Einheiten zerlegt. Trotzdem haben die Kinder Spaß. Sie gehen in den Pool, laufen durch den Garten oder sind wenige Schritte später am Strand. Es fehlt ihnen nichts, zumindest nicht an diesem Wochenende.
Vielleicht braucht ein Familienurlaub manchmal gar keinen eigenen Kinderbereich. Vielleicht reicht es, wenn der Strand direkt vor der Tür liegt, der Pool funktioniert und niemand erwartet, dass man ständig irgendwo mitmacht.
Auch wir Erwachsenen mussten wenig organisieren. Während die Kinder im Pool waren, blieb Zeit für ein Buch, ein Getränk an der Bar oder eine Massage. Meine war wirklich gut und genau das, was ich in diesem Moment gebraucht habe. Danach fühlte ich mich deutlich entspannter.
Überhaupt drängt sich hier wenig in den Vordergrund. Der Service ist aufmerksam, aber zurückhaltend. Niemand fragt alle paar Minuten, ob noch etwas gebracht werden darf. Trotzdem ist jemand da, wenn man etwas braucht. Gastlichkeit zeigt sich hier nicht als Inszenierung, sondern als ruhige Selbstverständlichkeit.
Besonders in Erinnerung geblieben ist uns eine Mitarbeiterin aus dem Housekeeping. Sie kam aus Bremen, war ausgesprochen patent, herzlich und zuvorkommend. Sie hatte diese angenehme, unaufgeregte Art, bei der man sich sofort willkommen fühlt. Solche Begegnungen prägen einen Aufenthalt oft stärker als jede perfekt inszenierte Hotellobby.
Auch ein längeres Gespräch mit dem Hotelmanager ist mir geblieben. Wir sprachen über das Haus, aber irgendwann auch über seine Familie. Genau solche Momente interessieren mich an Hotels oft mehr als die reine Ausstattung. Wenn hinter einem professionellen Betrieb plötzlich ein Mensch sichtbar wird.
An diesem Abend erzählte er uns auch von einer zypriotischen Ostertradition. Nach dem nächtlichen Kirchgang werde im Hotel noch gemeinsam Suppe gegessen. Wir selbst nahmen nicht daran teil, aber die Tradition passte zu dem Eindruck, den das Haus insgesamt vermittelte: ruhig, persönlich und fest mit seinem Ort verbunden.
Während draußen Ayia Napa langsam für die Nacht erwachte, bereitete sich das Hotel auf einen stillen Moment nach Mitternacht vor.
Das Abendessen wurde in Buffetform angeboten. Es war ordentlich, ohne außergewöhnlich zu sein. Ehrlicherweise war das für dieses Wochenende aber auch gar nicht entscheidend. Vielleicht hatten einzelne Gerichte mehr Potenzial als andere, vielleicht war es schlicht ein solides Hotelbuffet. Für dieses Wochenende reichte das vollkommen. Alle fanden etwas, niemand musste lange überlegen, und der Abend blieb unkompliziert.
Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist ohnehin weniger ein einzelnes Gericht als das Gefühl, nichts erledigen zu müssen.
Zur Einordnung gehört allerdings auch, dass unser Aufenthalt in eine besondere Zeit fiel. Aufgrund zahlreicher Stornierungen infolge des Krieges im Nahen Osten war das Hotel ungewöhnlich wenig ausgelastet. Wir waren zeitweise fast allein im Haus. Die Ruhe, die wir erlebt haben, war deshalb sicher auch ein Stück weit ein Produkt dieser Situation.
An meinem Eindruck vom Hotel selbst ändert das wenig.
Der zurückhaltende Service, die Gelassenheit des Hauses und das Gefühl, ankommen zu können, schienen Teil des Konzepts zu sein und nicht nur eine Folge der geringen Belegung. Ein leeres Hotel kann still sein. Es ist deshalb noch lange nicht automatisch angenehm. Im Alion fühlte sich die Ruhe nicht verlassen an, sondern wohltuend.
Am nächsten Abend saß ich wieder an der Bar. Mit einem alkoholfreien Bier, einer Katze in der Nähe und dem seltenen Gefühl, dass gerade niemand etwas von mir brauchte.
Vielleicht ist Ruhe kein großes Versprechen. Vielleicht entsteht sie einfach dort, wo Gastlichkeit so selbstverständlich wirkt, dass man sie erst bemerkt, wenn man wieder nach Hause fährt.