Vor rund fünf Jahren wurde bei einer Feier extra alkoholfreier Sekt besorgt und stolz gereicht. Die Absicht war ernst gemeint, die Enttäuschung auch: Das Glas schmeckte wie vergorener Traubensaft mit Kohlensäure. Ich habe höflich weitergetrunken und den Rest irgendwann mit Saft gestreckt.
Seitdem bin ich alkoholfreiem Wein und Sekt eher aus dem Weg gegangen. Nicht aus Prinzip, sondern aus Erfahrung.
Bis ich neulich bei einem kleinen Campingausflug mit meinem Mann vor unserem Bulli saß, Metallbecher in der Hand, und wir den Blanc von The Zero probierten. Erfrischend, nicht süß, mit einem Abgang, der tatsächlich etwas hergab. Kein Vergleich zur Erinnerung von damals.
Grund genug, genauer hinzusehen.
The Zero hat mir die vier verkosteten Flaschen kostenlos zur Verfügung gestellt. Die redaktionelle Bewertung blieb davon unberührt.
Möglichst nah am Wein
The Zero, ein alkoholfreier Wein- und Sekthersteller aus Vorarlberg, arbeitet mit echtem Wein von österreichischen Partnerweingütern. Kein Tee, kein Traubensaft, kein Getränk, das lediglich an Wein erinnern soll.
Der Anspruch ist ein anderer: The Zero will möglichst nah am Original bleiben.
Dafür wird der fertige Grundwein mittels Vakuumdestillation entalkoholisiert. Unter vermindertem Druck verdampft Alkohol bereits bei niedrigeren Temperaturen. Der Wein muss dadurch weniger stark erhitzt werden, was das Verfahren vergleichsweise aromaschonend macht. Ganz ohne Verluste funktioniert es trotzdem nicht. Mit dem Alkohol können auch flüchtige Aromastoffe verschwinden.
Genau darin liegt die zentrale Herausforderung: Der Wein soll bleiben, obwohl ihm ein Bestandteil entzogen wird, der Geschmack, Körper und Mundgefühl entscheidend mitprägt.
Vier Verkostungen, ein klares Muster
Der Blanc, jener aus dem Bulli-Moment, bleibt die positive Überraschung dieser Verkostung. Er ist erfrischend statt süß und besitzt eine Struktur, die alkoholfreiem Sekt sonst oft fehlt.
Der Rosé und der Blanc de Blancs bestätigen diesen Eindruck. Beide funktionieren gut. Der Blanc de Blancs besonders eiskalt an einem heißen Sommertag, fast schon als besserer Aperitif als mancher echte Sekt in derselben Preisklasse.
Beim Sauvignon Blanc zeigt sich dagegen, wo die Grenze verläuft.
Der stille Wein schmeckte für mich wie nicht ganz süßer Traubensaft, begleitet von einer sauren Schärfe, die nicht so recht passen wollte. Es fehlte die Bissigkeit, die Alkohol mitbringt, und ein Stück Tiefe. Wir haben ihn zu viert probiert. Das Urteil war einhellig: Gegen das Original kommt er nicht an.
Handwerklich ist The Zero damit weit von meiner Erinnerung an jene Feier entfernt. Bei den Schaumweinen liegt die Marke sogar richtig gut. Beim stillen Wein bleibt die Lücke zum Original dagegen deutlich spürbar.
Warum Schaumwein besser funktioniert
Der Unterschied liegt nicht nur in der Qualität der einzelnen Produkte. Er liegt auch in der Art des Getränks.
Bei Schaumwein bringt die Kohlensäure Spannung, Frische und Struktur ins Glas. Sie kann zumindest einen Teil dessen auffangen, was durch den fehlenden Alkohol verloren geht. Die Perlage beschäftigt den Gaumen, die Säure wirkt lebendiger, das Getränk bekommt Kontur.
Beim stillen Wein fehlt dieses zusätzliche Element.
Wein lebt von Gärung, Reifung, Alkohol, Säure, Tannin und Körper. Wird der Alkohol nachträglich entfernt, bleibt nicht einfach derselbe Wein ohne Promille zurück. Das Verhältnis seiner Bestandteile verändert sich. Säure kann stärker hervortreten, Süße deutlicher wirken, der Körper dünner erscheinen.
Schaumwein kann diese Verschiebung besser ausgleichen. Ein stiller Sauvignon Blanc kann sich dagegen kaum verstecken.
»Je näher ein alkoholfreies Produkt am Original sein will, desto genauer wird jeder Unterschied wahrgenommen.«
Der eigentliche Gegner ist der Vergleich
Und genau hier liegt vermutlich der Kern der Sache: Nicht das Produkt versagt grundsätzlich, sondern der Vergleich, zu dem seine eigene Bezeichnung einlädt.
»Alkoholfreier Wein« ruft automatisch Wein auf den Plan. Nicht irgendein Erfrischungsgetränk, nicht eine eigenständige Speisenbegleitung, sondern das Original, nur ohne Alkohol.
The Zero nimmt diesen Vergleich bewusst an. Das ist die Stärke der Marke, weil die Produkte vertraut wirken und sich problemlos in klassische gastronomische Situationen einfügen. Es ist aber zugleich ihre größte Hürde.
Beim Schaumwein gelingt diese Annäherung erstaunlich gut. Beim stillen Wein wird sichtbar, was sich technisch nicht vollständig zurückholen lässt.
Nähe hat ihren Aufwand
Der Anspruch, echten Wein möglichst überzeugend zu entalkoholisieren, hat außerdem eine technische Seite.
Zunächst muss ein Wein angebaut, gekeltert und vergoren werden. Anschließend wird ihm der entstandene Alkohol in einem weiteren Produktionsschritt wieder entzogen. Das Erzeugen des Vakuums, das Erwärmen, Verdampfen und Kondensieren benötigen zusätzliche Energie.
Wie hoch dieser Aufwand bei The Zero konkret ausfällt, lässt sich ohne Angaben zur Anlage, zu den Produktionsmengen und zum verwendeten Strom nicht seriös beurteilen. Eine belastbare ökologische Bewertung wäre deshalb nicht möglich.
Fest steht nur: Alkoholfreier Wein entsteht nicht dadurch, dass während der Herstellung etwas weggelassen wird. Er durchläuft einen zusätzlichen Verarbeitungsschritt, weil das Produkt möglichst nah an Wein bleiben soll.
Auch das ist eine Folge dieses Anspruchs.
Fazit
The Zero hat seine Daseinsberechtigung. Für alle, die bewusst auf Alkohol verzichten, ob am Steuer, in der Schwangerschaft oder einfach aus eigener Entscheidung, gehört es zu den saubersten Umsetzungen, die mir bisher begegnet sind. Besonders bei den Schaumweinen.
Der Blanc, der Rosé und der Blanc de Blancs zeigen, wie weit alkoholfreier Sekt inzwischen von jenem süßen Getränk entfernt ist, das ich vor fünf Jahren höflich mit Saft gestreckt habe.
Der Sauvignon Blanc zeigt aber auch die Grenze.
Trotzdem, oder gerade deshalb, lohnt sich der Blick auf Alternativen, die gar nicht erst versuchen, Wein zu kopieren. Sparkling Tea oder Verjus, beide bereits Teil dieser Serie, sind als eigenständige Getränke gedacht. Sie müssen keine verlorene Tiefe ersetzen und keinen Vergleich mit einem alkoholhaltigen Original bestehen.
The Zero wählt den schwierigeren Weg: möglichst nah am Wein zu bleiben.
Bei Schaumwein geht diese Rechnung überraschend gut auf. Bei stillem Wein nicht immer.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Folge: Nicht jedes alkoholfreie Getränk muss Wein sein wollen.