2026 endet beim Mittelalterlich Phantasie Spectaculum eine Ära. Die große Musikarena verschwindet, die großen Bands gehen. Beim MPS in Luhmühlen lag deshalb bereits Abschiedsstimmung in der Luft. Doch vielleicht verliert das Festival damit nicht nur etwas. Vielleicht findet es auch etwas wieder.
Auf dem Markt ist zunächst alles wie immer.
Es riecht nach Essen und Feuer, zwischen den Ständen ziehen Menschen in aufwendigen Gewandungen vorbei, irgendwo wartet der nächste Baumstriezel. Wer hier steht und sich umsieht, könnte leicht vergessen, dass sich das MPS gerade an einem Wendepunkt befindet.
Vom Regenbogen-Hochzeitskleid bis zur nordischen Gottheit ist alles vertreten. Dazwischen Menschen in Bandshirts, Familien, Mittelalterfans und Besucher ohne jede Gewandung. Niemand scheint besonders aufzufallen, gerade weil alle auffallen dürfen. Heerlager, Händler und Besucher bauen gemeinsam an dieser eigenen kleinen Welt, in der erstaunlich viele unterschiedliche Menschen Platz finden.
Auch kulinarisch funktioniert das überraschend selbstverständlich. Selbst wer vegan isst, muss nicht erst lange nach einer Notlösung suchen. Es sind solche Kleinigkeiten, die zur Atmosphäre beitragen. Viele einzelne Puzzleteile, die zusammen dafür sorgen, dass sich sehr unterschiedliche Gruppen hier wohlfühlen können.
Im Bereich der großen Bühnen fühlt sich dieses Wochenende allerdings anders an.
Der Abschied steht mit auf der Bühne
2026 ist die letzte MPS-Saison mit der großen Musikarena in ihrer bisherigen Form. Ab 2027 will Veranstalter Gisbert Hiller auf die kostspieligen Arena-Produktionen und die großen Bands verzichten. Stattdessen sollen junge und aufstrebende Bands, Barden, Dudelsackmusik, Kleinkunst, Ritterturniere und Heerlager wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Als Grund nennt der Veranstalter die stark gestiegenen Kosten der großen Produktionen und das Ziel, die Eintrittspreise bezahlbar zu halten.
In Luhmühlen ist dieses Ende allgegenwärtig. Fast jede der großen Bands spricht darüber, viele drücken ihr Bedauern aus. Der Abschied wird besungen, kommentiert und mitunter auch vermarktet. An den Merchständen tauchen eigens auf das Ende der Musikära zugeschnittene Stücke auf. Eine Entwicklung, die man durchaus mit leicht hochgezogener Augenbraue beobachten kann. Wenn schon Abschied, dann offenbar auch mit passendem T-Shirt.
Besonders deutlich wird die Melancholie bei Mr. Hurley & die Pulveraffen. Für ihren Abschied haben sie ein Medley aus Hits anderer Bands zusammengestellt, die diese MPS-Ära geprägt haben. Auf der Bühne erzählen sie davon, wie sie selbst Anfang der 2000er als Besucher auf dem MPS standen und Saltatio Mortis noch als kleine Band auf einer zusammengezimmerten Bühne sahen.
Das Publikum grölt die bekannten Songs mit. Ausgelassen und gleichzeitig eigenartig melancholisch.
Es ist einer dieser Momente, in denen man denkt: Schade. Da geht tatsächlich etwas zu Ende.
Denn natürlich waren die großen Bands nicht bloß Beiwerk.
Ein Festival im Festival
Für mich waren sie sogar ein wesentlicher Grund, zum MPS zu fahren. Hier ließen sich Bands erleben, die längst große Hallen und Festivals bespielen, aber in einem Umfeld, das wesentlich entspannter wirkt als viele klassische Musikfestivals.
Und zu Uhrzeiten, zu denen auch Menschen noch zurechtkommen, die nicht erst um Mitternacht auf den Headliner warten möchten.
Gerade für Familien war das eine ungewöhnliche Kombination: große Bands, Festivalatmosphäre und trotzdem ein Umfeld, in dem ein Konzerttag nicht automatisch zur logistischen Großoperation wird.
Doch genau die Größe der Musikarena hat das MPS verändert.
Als ich 2019 in Speyer mein erstes MPS besuchte, waren die Bühnen noch stärker in das übrige Veranstaltungsgelände integriert. Markt, Musik, Heerlager und Künstler wirkten wie Teile derselben Veranstaltung. Die Musik fügte sich in diese Welt ein.
Mit der späteren Abtrennung der großen Musikarena veränderte sich dieses Gefühl. Aus einem Festival wurden gefühlt fast zwei: auf der einen Seite Markt, Heerlager und Mittelalterwelt, auf der anderen ein Musikfestival mit Bands, die immer größer wurden.
Und vielleicht irgendwann zu groß für das, was das MPS ursprünglich sein wollte.
Genau darin liegt das Paradoxe des Abschieds. Das MPS verliert die große Musikarena. Gleichzeitig könnte dadurch etwas wieder zusammenwachsen, das sich in den vergangenen Jahren voneinander entfernt hat.
„Nach Hause kommen“
Esther von Mr. Hurley & die Pulveraffen kennt beide Seiten dieser Entwicklung.
Das MPS sei immer familiärer gewesen als andere Festivals, sagt sie. Weil sich über die verschiedenen Veranstaltungen hinweg ähnliche Künstler, Händler und Besucher immer wieder begegnen, entstand ein besonderes Gefühl: „Es fühlte sich immer nach ‚nach Hause kommen‘ an.“
Für sie liegt in der neuen Ausrichtung deshalb durchaus eine Chance.
„Solche Veranstaltungen können, gerade für kleine Bands, eine riesige Chance sein. Wir haben es ja selber erlebt, als wir auf dem MPS angefangen haben.“
Gerade die Mittelalterszene sei kleinen Bands gegenüber besonders offen und herzlich.
Das ist ein Aspekt, der in der Diskussion über das Ende der großen Musikarena leicht untergeht. Während Spotify und Social Media heute theoretisch jede unbekannte Band innerhalb weniger Minuten vor ein riesiges Publikum bringen können, passiert auf einem Festival etwas anderes.
Menschen begegnen einer Band, ohne vorher nach ihr gesucht zu haben.
Sie laufen an einer Bühne vorbei, bleiben stehen, hören einen zweiten Song und vielleicht noch einen dritten. Für Esther bietet eine solche Veranstaltung deshalb eine direktere Möglichkeit, tatsächlich ein Bild von einer Band zu bekommen. Gleichzeitig können Musiker neue Fans in einem Umfeld erreichen, in dem das Publikum bereits grundsätzlich offen für ihre Musik ist.
Wenn die Musik wieder auf den Markt kommt
Kupfergold zeigt, wie fließend diese Entwicklung sein kann.
Die Band steht gerade sichtbar an der Schwelle zum nächsten Level. 2026 spielte sie unter anderem beim Nova Rock und beim Wacken Open Air, für 2027 ist eine eigene Tour angekündigt. Gleichzeitig ist Kupfergold beim MPS 2027 weiterhin im Marktprogramm zu finden.
Vielleicht ist genau das künftig die spannendere Rolle des MPS: nicht bereits etablierte Namen möglichst groß zu präsentieren, sondern Bands Raum zu geben, während sie wachsen.
Der Veranstalter experimentiert mit dieser Rückkehr bereits ganz bewusst. Beim sogenannten Retro MPS gibt es keine abgetrennte Musikarena, sondern kleine Bühnen und weitere Auftrittsflächen direkt im Publikum. Barden, kleine Bands und Musiker sollen wieder stärker Teil des eigentlichen Marktgeschehens werden.
Also genau jene Verbindung, die beim MPS früher selbstverständlicher wirkte.
Nicht Musik hier und Mittelalter dort.
Sondern beides zusammen.
Wer kommt eigentlich wegen was?
Dass die große Musikarena nicht für alle zum Kern des MPS gehörte, zeigt ein Gespräch mit einem Händler in Luhmühlen. Er sieht der Veränderung ausgesprochen gelassen entgegen.
Ohne die großen Bands, meint er sinngemäß, könne das MPS wieder ursprünglicher und stärker mittelalterlich werden. Dann kämen weniger Besucher, die ausschließlich einen bestimmten Headliner sehen wollen und mit dem Markt selbst wenig anfangen können.
Aus seiner Sicht ist das kein Verlust, sondern eine Bereinigung.
Das ist eine Perspektive, die zunächst im Widerspruch zu meiner eigenen steht. Denn für mich waren gerade die Bands ein Hauptargument für den Besuch.
Gleichzeitig lässt sich sein Punkt schwer von der Hand weisen.
Schon jetzt existieren auf dem MPS unterschiedliche Arten, die Veranstaltung zu erleben. Während ein Teil des Publikums seinen Tag nach Spielplänen organisiert, kommen andere wegen der Händler, der Heerlager oder der gesamten Mittelalterwelt. Manche stehen stundenlang vor der Bühne. Andere könnten vermutlich ein komplettes Wochenende auf dem Gelände verbringen, ohne einen einzigen Headliner zu sehen.
Am Sonntag war auch für uns die Musik regelmäßig weniger wichtig. Dann war Zeit für den Markt, für die Stände und dafür, einfach über das Gelände zu gehen und Menschen zu beobachten.
Denn das Publikum ist beim MPS selbst Teil der Inszenierung.
Esther beschreibt es aus der Perspektive der Bühne: Es sei beeindruckend zu sehen, wie viel Arbeit manche Besucher in ihre Gewandungen stecken. Daran merke man, „dass das Publikum auch wirklich mit Herzblut bei der Veranstaltung dabei ist“.
Diese Beteiligung verschwindet nicht mit der Musikarena.
Die Heerlager bleiben. Die Händler bleiben. Die Gewandungen bleiben. Gaukler, Barden, Ritter und kleinere Bands bleiben. Auch Luhmühlen steht für 2027 wieder im MPS-Kalender.
Was sich verändern dürfte, ist die Zusammensetzung des Publikums.
Wer ausschließlich wegen Saltatio Mortis, Versengold oder einer anderen großen Band gekommen ist, hat künftig weniger Grund, eine lange Fahrt zum MPS auf sich zu nehmen. Das Publikum könnte dadurch wieder „fachspezifischer“ werden. Mehr Menschen, die wegen des MPS kommen und weniger, die zufällig auf einem Mittelaltermarkt stehen, weil daneben ihre Lieblingsband spielt.
Ob das besser ist, wird davon abhängen, wen man fragt.
Weniger groß. Aber weniger MPS?
Mir wird die Musikarena fehlen.
Nicht unbedingt, weil ich glaube, dass das MPS ohne sie nicht funktionieren kann. Im Gegenteil: Der Markt in Luhmühlen zeigte ziemlich deutlich, wie viele Elemente dieser Veranstaltung völlig unabhängig von der großen Bühne funktionieren.
Fehlen wird eine Gelegenheit.
Die Gelegenheit, große Bands in einem Umfeld zu erleben, das entspannter, offener und familienfreundlicher ist als viele klassische Festivals. Ohne Gedränge um jeden Preis, ohne das Gefühl, einen kompletten Festivaltag ausschließlich um einen Headliner herum organisieren zu müssen. Und, nicht ganz unwichtig, zu Zeiten, die auch für Normalsterbliche angenehm sind.
Diese Möglichkeit fällt weg.
Doch vielleicht war die große Musikarena am Ende genau das: eine großartige Möglichkeit innerhalb des MPS, aber nicht das MPS selbst.
Esther braucht nur zwei Begriffe, um zu beschreiben, was für sie unbedingt erhalten bleiben muss:
„Der Vibe. Das Familiäre.“
Auf dem Markt in Luhmühlen wirkt es nicht so, als würde das 2027 einfach verschwinden.
Vielleicht wird es sogar wieder leichter zu finden.