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  • ROCKHARZ 2026: vor der Doppelbühne mit Dark Stage und Rock Stage reckt ein dichtes Publikum unter blauem Himmel die Arme in die Luft
    Foto: Schönfisch Merlin | ROCKHARZ
    Im Gespräch mit
    Interview · Musik · Festival

    ROCKHARZ: Ein Festival, das sich treu bleiben will.

    Kai Wilhelm über Wachstum, Gemeinschaft und ein Festival nah an den „Basics“

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    Von rund 3.000 auf über 25.000 Gäste, von Osterode an die Teufelsmauer, vom überschaubaren Metal-Festival zu einer Veranstaltung, deren Tickets lange im Voraus ausverkauft sind: Das ROCKHARZ hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert. Doch wie viel Wachstum verträgt ein Festival, ohne seine Identität zu verlieren? Darüber habe ich mit Kai Wilhelm gesprochen, der das ROCKHARZ seit 2005 aus unterschiedlichen Perspektiven kennt.

    Meine eigene Verbindung zum ROCKHARZ reicht bis ins Jahr 2010 zurück. Damals habe ich ein Praktikum beim Festival absolviert, das erst im Jahr zuvor von Osterode nach Ballenstedt an die Teufelsmauer gezogen war. Seitdem ist viel passiert. Das Festival, dessen Geschichte 1993 mit einem „Rock gegen Rechts“-Konzert begann, gehört inzwischen zu den etablierten Größen der deutschen Metal-Festivallandschaft.

    Kai Wilhelm war bereits 2005 dabei. Zunächst begleitete er das ROCKHARZ mit der Kamera und produzierte mit seinem Team mehrere Jahre lang die Festival-DVDs. Heute gehört er fest zum ROCKHARZ-Team und ist unter anderem für Presse und Kommunikation zuständig.

    Im Gespräch erzählt er, warum er sich schon damals beim ROCKHARZ zu Hause fühlte, weshalb aus seiner Sicht nicht jede wirtschaftlich attraktive Entscheidung auch eine gute Entscheidung ist und was in zehn Jahren unbedingt noch genauso sein sollte wie heute.

    Du bist seit 2005 beim ROCKHARZ dabei. Bevor du Teil der Organisation wurdest, hast du das Festival mit der Kamera begleitet und unter anderem an den DVDs gearbeitet. Hat dieser Blick von außen beeinflusst, wie du das ROCKHARZ später als Veranstalter wahrgenommen hast?

    Nicht direkt, aber ich habe zu der damaligen Zeit sozusagen mein Herz an dieses Festival verloren, und der Kontakt zu den Veranstaltern, also konkret Dani und Buddy, ist über die Jahre nie abgerissen. Ich wurde auch in den Folgejahren immer mal wieder eingeladen, auch ohne direkt auf dem Festival tätig zu sein.

    Für mich war das ROCKHARZ schon damals eine besondere Oase in der Festivallandschaft. Ich war ja im Rahmen meiner Videotätigkeit auch auf einigen anderen Festivals unterwegs, aber nirgendwo habe ich mich so „zu Hause“ gefühlt wie hier.

    Natürlich hatte ich seinerzeit keinen derartigen Einblick in die Organisationsstruktur. Von daher war es sehr spannend für mich, als mir vor gut drei Jahren angeboten wurde, fest zum Team zu stoßen. Durch die gemeinsame Vorgeschichte musste ich auch nicht lange überlegen.

    Rückblickend gab es da auch keinen Bruch in der Wahrnehmung, nur eine Änderung der Perspektive. Der familiäre Eindruck, den man als Besucher hat und der dem ROCKHARZ von Gästen oft als „Besonderheit“ attestiert wird, zieht sich auch durch die gesamte Teamarbeit und wird wahrscheinlich dadurch, sozusagen von innen heraus, nach außen transportiert.

    Bei all der Arbeit und dem organisatorischen Aufwand, der dahintersteckt, fühlt es sich oft eher so an, als ob man mit einer Gruppe von Freunden ein gemeinsames Projekt umsetzt, für das jeder lebt und brennt.

    Als Teil des Veranstalterteams ist der Blick daher nicht viel anders. Als Außenstehender will man ein Festival, auf welches man gern geht, bei dem man sich wohlfühlt und sich in einer familiären, vertrauten Atmosphäre wiederfindet. Als Veranstalter wollen wir das Gleiche und haben die Möglichkeit, genau das zu schaffen.

    Wenn jemand das Festival 2005 besucht hat und heute zum ersten Mal wiederkommt: Was würde er vermutlich kaum wiedererkennen? Oder andersherum: Was hat sich überraschend wenig verändert?

    Wenn man mal vom nicht ganz unwesentlichen Umstand absieht, dass die Zahl an Gästen um ein Vielfaches größer ist, gibt es gar nicht so viele Dinge, die man nicht wiedererkennen wird. Es macht natürlich schon einen Unterschied, dass mittlerweile über 25.000 Gäste da sind statt der ca. 3.000 wie noch 2005.

    Vieles ist aber einfach nur „etwas größer“, und natürlich sind Organisation und Abläufe professioneller strukturiert. Kein Festival sieht anno 2026 noch so aus wie 2005. Es gibt nahezu flächendeckend Spültoiletten, Duschcamps, und auch das gastronomische Angebot ist heutzutage vielfältiger und abwechslungsreicher.

    Davon abgesehen denke ich aber, dass sich dennoch schnell ein Gefühl der Vertrautheit einstellen wird. Ein Besuch auf dem ROCKHARZ vermittelt auch anno 2026 ein Gefühl der „Entschleunigung“, des Durchatmens vom Alltag.

    Dazu trägt sicher auch bei, dass es eben nur diese beiden Bühnen gibt, die abwechselnd bespielt werden. Man kann entspannt alle Bands sehen, die man möchte. Es gibt zudem kurze Laufwege. Von nahezu keiner, auch noch so entfernten Ecke des Campinggeländes braucht man länger als 20 Minuten bis ins Infield.

    Es gibt keine übermäßige Eventisierung, keinen Rummel, kein Riesenrad oder Ähnliches. Bei uns erlebt man auch anno 2026 ein Festival nah an den „Basics“, wie man es teilweise noch aus den 90er- und 00er-Jahren kennt: Camping, Bier und Musik.

    2009 zog das ROCKHARZ von Osterode nach Ballenstedt an die Teufelsmauer. Was habt ihr damals bewusst mitgenommen, und was musstet ihr in Osterode zurücklassen?

    Bewusst mitgenommen haben wir den festen Willen, weiterhin ein Festival machen zu wollen, auf welches wir selber als Gast gehen würden.

    Da wir zwei Jahre zuvor auch in Osterode die Location gewechselt haben, gab es nicht sehr viel Trennungsschmerz, außer der ideellen Verbundenheit zum Ursprungsort.

    Bewusst mitgenommen haben wir außerdem viele Partner, Freunde und Helfer, die uns während der Festivalwoche Jahr für Jahr auf dem Festivalgelände unterstützt haben. Noch heute arbeiten hinter den Kulissen Menschen, die ich schon 2005 in Osterode kennen und schätzen gelernt habe.

    Ich denke auch, dass es diese über die Jahre zusammengewachsene ROCKHARZ-DNA ist, welche zum familiären Gesamtgefühl des Festivals beiträgt.

    Gibt es etwas aus den 2000er-Jahren, das du heute manchmal vermisst?

    Ganz ehrlich? Nein. Außer vielleicht, dass ich damals viel mehr von den Bands mitbekommen habe. Lacht.

    Die Arbeit als externer Dienstleister in den 00er-Jahren war mit deutlich weniger Anspannung und Verantwortung verbunden. Wenn alles abgedreht war, konnten wir uns eher mal ein Bier zum Ausklang des Tages gönnen und auch mal Bands aus „Fan-Sicht“ sehen.

    Das ist aber eine rein subjektive Betrachtung. Heute ist meine persönliche Verantwortung größer und das Aufgabengebiet umfangreicher. Die Netto-Spielzeit von Bands, die ich über die Festivalwoche wirklich bewusst gesehen habe, lag in diesem Jahr über alle vier Tage zusammengerechnet unter zehn Minuten.

    Ich glaube, dem Kern des Orga-Teams ging das aber schon 2005 so. Als Teil des Teams kann ich aber heute aktiv dazu beitragen, Dinge, die man vermissen könnte, aufzugreifen und in den Festivalablauf zu integrieren.

    Wir gehen intern viele Sachen unter der Prämisse an: Was würden wir als Besucher selbst gern auf diesem Festival erleben wollen, was ist uns aus Gästesicht wichtig und was würden wir eher uncool finden?

    Das macht tatsächlich einen großen Anteil unserer Arbeit aus. Dabei müssen wir natürlich auch die Verhältnismäßigkeit von wirtschaftlichen Interessen, Aufwand, Umsetzbarkeit, Nutzen und persönlichen Vorstellungen berücksichtigen, aber das ist eben auch unser Job.

    Am Ende sind Metal-Fans ja schon eher Traditionalisten und sehr sensibel, was Veränderungen betrifft, und da in jedem von uns im Team auch ein Metal-Fan-Herz schlägt, schließt uns das mit ein.

    Heute kommen über 25.000 Menschen zum ROCKHARZ, und das Festival 2027 ist bereits ausverkauft. Kann sich ein Festival dieser Größe überhaupt noch familiär anfühlen? Und gibt es für euch einen Punkt, an dem Wachstum nicht mehr automatisch etwas Positives wäre?

    Dass sich das Festival nach wie vor familiär anfühlt, ist auf jeden Fall eine der meistgenutzten Beschreibungen im Gästefeedback, sowohl auf dem Platz, in sozialen Medien als auch in der externen Berichterstattung. Oft auch tatsächlich mit der Ergänzung „trotz der mittlerweile erreichten Größe“. Da scheint also was dran zu sein.

    Wir sind ja in den letzten Jahren nur so moderat wie möglich und wirtschaftlich nötig gewachsen. Immer mal maximal um 10 %. Zwischen 2023 und 2025 gab es gar keinen Zuwachs, und auch 2027 wird exakt so groß sein wie in diesem Jahr.

    Es ist auch nicht unser Ziel, auf Teufel komm raus das größte Festival werden zu wollen oder zu müssen. Unser Anspruch ist, das BESTE Festival zu sein.

    Aufgrund dessen, dass in den letzten Jahren sämtliche Kosten in der Veranstaltungsbranche extrem gestiegen sind, war ein moderates Wachstum notwendig, um die gestiegenen Mehrkosten abzufangen und nicht komplett auf den Ticket- oder den Bierpreis umlegen zu müssen.

    Ansonsten ist Wachstum für mich erst mal ein wertneutraler Begriff. Nicht automatisch positiv, aber auch nicht per se negativ.

    Wenn das Festival sich von heute auf morgen anders anfühlen würde, wenn es seinen Charme, sein Flair und das Miteinander verliert, wenn der Wiedererkennungswert auf der Strecke bleibt und man nur noch ein beliebig austauschbares Großevent ist, nur weil man irgendwelchen Zahlen hinterherhechelt, dann wäre der Punkt überschritten, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen.

    Luftbild bei Nacht: die beleuchtete Bühne mit dem Publikum davor, ringsum leuchtende Verkaufsstände und weite Campingflächen voller Zelte und Wohnmobile
    Nachtpanorama des ROCKHARZ mit Bühne, Campingflächen und Infrastruktur. Foto: Stahlmann Daniel | ROCKHARZ

    Besucher sehen am Ende Bühnen, Bands und Festivalgelände. Welche Arbeit im Hintergrund ist besonders wichtig dafür, dass sich das ROCKHARZ trotzdem nach ROCKHARZ anfühlt?

    Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich heute noch im Hintergrund auf Leute treffe, die ich schon 2005 dort habe werkeln sehen. Das zieht sich bei uns durch nahezu alle Bereiche.

    Fast jeder aus dem festangestellten Kernteam, der mittlerweile wichtige Entscheidungen trifft und einen großen Bereich verantwortet, hat in irgendeiner Form eine ROCKHARZ-Vorgeschichte.

    Der eine hat mal als Secu bei uns gearbeitet, der andere hat in den Ferien sein Taschengeld als Thekenkraft aufgebessert oder war wie ich als externer Dienstleister „am Rande“ eingebunden.

    Das ist, denke ich, ein guter Grundstein, um ein gemeinsames Gefühl zu transportieren. Auch dass externe Dienstleister oder Saisonarbeiter über Jahre dem Festival verbunden geblieben sind, ist ein wichtiger Baustein.

    Von den mittlerweile gut 600 Mitarbeitern, die während der Festivalwoche auf und rund um das ROCKHARZ arbeiten, gibt es eine Quote von über 70 % Wiederholungstätern, die jedes Jahr wieder bei uns anklopfen.

    Manche haben ursprünglich nur mal in ihren Semesterferien bei uns gejobbt und nehmen heutzutage extra Urlaub aus ihren mittlerweile festen Jobs, um diese eine Woche bei uns zu arbeiten und auszuhelfen.

    Das merkt man auch als Gast: Du fährst auf den Platz und kennst den Einweiser noch vom letzten Jahr und dem Jahr davor. Du steuerst den ersten Bierstand an und der Mensch hinter dem Tresen ist ein vertrautes Gesicht, welches dich schon oft vorm Verdursten gerettet hat.

    Ich kann an dieser Stelle gar keine „besonders wichtige“ Arbeit benennen, die das ROCKHARZ zum ROCKHARZ macht.

    Es ist die Gesamtheit aus allen, einer eingeschworenen Gemeinschaft, in der sich jeder Einzelne auf diese eine Woche im Jahr freut, weil sie hier Freunde treffen, sich wiedersehen, um dann gemeinsam ihren Teil zum Gelingen dieses Festivals beizutragen.

    So ähnlich ist es bei unseren Gästen ja auch: Gut 90 % aller Tickets werden von Bestandskunden gekauft, und auch auf dem Campingplatz treffen sich Jahr für Jahr Menschen wieder, die ansonsten Hunderte Kilometer voneinander entfernt leben.

    Dieses besondere ROCKHARZ-Gefühl speist sich meiner Meinung nach aus beiden Teilen.

    Gibt es Entscheidungen, bei denen ihr bewusst nicht den einfachsten oder wirtschaftlich attraktivsten Weg gewählt habt, weil etwas anderes besser zum Festival gepasst hat?

    Jeden Tag. Lacht.

    Das geht von ganz profanen Entscheidungen, was die Wahl von Dienstleistern angeht, über die Zusammenstellung unserer Food- und Non-Food-Händler bis zur Entscheidung, eben nur diese eine Doppelbühne zu bespielen, anstatt mit mehreren Bühnen oder weiteren Attraktionen für mehr Werbung, Content und Entertainment zu sorgen.

    Wir wählen sogar potenzielle Sponsoren unter der Prämisse aus, ob sie zu uns passen, und nicht einfach nur nach einer Summe auf einem Scheck.

    Wir versuchen unseren Gästen einen Ort der Auszeit zu bieten, eine Möglichkeit, mal für eine Woche den Alltag hinter sich zu lassen und einfach nur ein Festival unter Freunden zu genießen.

    „Metal, Beer and best Friends“ eben, anstatt sie an jeder Ecke z. B. mit blinkender, plärrender und aufdringlicher Werbung zu beschallen.

    Wir treffen tatsächlich nahezu täglich Entscheidungen, bei denen wir bei der Wahl zwischen „einfach und wirtschaftlich attraktiv“ und „passend zum Festival“ letzterem den Vorrang geben. Ganz bewusst.

    Du betonst, dass ihr Entscheidungen bewusst danach trefft, was zum ROCKHARZ passt, und nicht allein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Seit 2025 hält die DEAG die Mehrheit am Festival. Wie stellt ihr sicher, dass ihr auch künftig Entscheidungen gegen kurzfristige wirtschaftliche Interessen treffen könnt, wenn diese für den Charakter des ROCKHARZ wichtig sind?

    Ein Teil der Antwort steckt bereits in dem Teil der Fragestellung: „kurzfristige“ Interessen.

    Das ROCKHARZ gibt es seit fast 35 Jahren. Es ist darüber hinaus ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Festival, und das in einer Zeit, in der die Veranstaltungsbranche ächzt und wankt, in der Festivals und Veranstaltungsreihen die Segel streichen, in der Veranstalter von Schnelllebigkeit und einer Kostenexplosion in nahezu allen Bereichen überrollt werden.

    Ein anderer Teil der Antwort steckt dahinter, welche Arbeitsweise hinter einer Beteiligung der DEAG steckt: Never change a running system.

    Vielleicht muss man auch noch mal ausholen, wie und unter welchen Umständen und Bedingungen es überhaupt zu der DEAG-Beteiligung kam. Es gibt ja verschiedene Gründe und sehr viele verschiedene Modelle, wenn ein Unternehmen Anteile verkauft und ein anderes Unternehmen Anteile aufkauft.

    In unserem Fall war es so, dass wir, und das komplett ohne Not und Zwang, es gewesen sind, die sich umgeschaut haben, was es für Möglichkeiten gibt, um die Zukunft des ROCKHARZ auf eine Basis zu stellen, die nicht allein von einer Zwei-Personen-GmbH abhängig ist.

    Es macht schon einen Unterschied, ob diese zwei Personen vor allem für sich und ihre eigene Selbstständigkeit verantwortlich sind und dabei eine Veranstaltung mit vielleicht bis zu 10.000 Gästen organisieren, oder ob diese zwei Personen die Verantwortung für mittlerweile über 25.000 Gäste und 14 bis 15 ganzjährig angestellte Mitarbeiter tragen, an denen wiederum ja auch Familien und Existenzen hängen.

    Dem Umstand, dass das ROCKHARZ bzw. die VERUGA GmbH ein erfolgreiches Unternehmen und das Festival mit gesundem Wachstum und stabilen Wirtschaftsdaten ein ebenso erfolgreiches Festival ist, haben wir es zu verdanken, dass wir auf der Suche nach einem geeigneten Partner selbst definieren konnten, was uns dabei wichtig ist.

    Wir konnten uns mit verschiedenen Modellen vertraut machen, ohne Zwang, etwas auf Teufel komm raus verkaufen zu „müssen“. Wir haben uns von Anfang an festgelegt: Wenn wir bei irgendwas kein gutes Gefühl haben, machen wir es nicht. Wenn wir unser Festival nicht mehr so gestalten können, wie wir es wollen, machen wir es nicht.

    Wir haben uns daher ganz ungezwungen mit Leuten und potenziellen Partnern unterhalten und klassische Investorenmodelle dabei sehr frühzeitig ausgeschlossen.

    Wir haben, wenn überhaupt, einen Partner gesucht, der uns vertraut, mit dem wir auf Augenhöhe kommunizieren, der unser Festival versteht und der an „langfristiger“ und nachhaltiger Wirtschaftlichkeit interessiert ist.

    Ein gutes Beispiel hatten wir da mit WIZARD Live vor Augen, mit denen wir als Konzertagentur bereits seit vielen Jahren im Booking-Bereich erfolgreich zusammenarbeiten und die schon seit 2013 zur DEAG-Familie gehören.

    Das Modell hinter der DEAG hat uns am Ende überzeugt: Der Konzern beteiligt sich an wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen, hat also von seiner Seite aus gar keinen Grund, an der Art und Weise, wie diese Unternehmen geführt werden und welche strategischen Entscheidungen dort gefällt werden, zu rütteln.

    Die Unternehmen unter dem Dach der DEAG bleiben zudem nahezu autark. Einige sind das mittlerweile bereits seit Jahrzehnten.

    Auf der anderen Seite bietet die DEAG eine langfristige Absicherung und ein hervorragendes Netzwerk an Möglichkeiten, Know-how und Partnern, in welchem man sich über erfolgreiche Konzepte austauscht und damit eine gegenseitige Win-win-Situation schafft.

    Die DEAG selbst fungiert dabei eher als „Schirm“ und mischt sich nicht aktiv in das Tagesgeschäft der unter ihrem Dach agierenden Einzelgesellschaften ein.

    Wir sind als ROCKHARZ also nach wie vor die gleichen handelnden Personen, das gleiche Team, in der gleichen Organisations- und Verantwortungsstruktur wie vor der Partnerschaft und veranstalten das Festival unter der gleichen Prämisse, was auch festgeschriebener Teil der Beteiligung ist.

    Wir genießen innerhalb der DEAG ein hohes Maß an Anerkennung und Respekt für das, was wir tun und wie wir es tun.

    Auch wenn das jetzt abgehoben und etwas eingebildet klingt: Es gibt einen Grund, warum das ROCKHARZ erfolgreich ist, und der liegt eben auch darin, wie wir arbeiten und auf welcher Basis wir Entscheidungen treffen und in der Vergangenheit getroffen haben, und das wissen und schätzen in dieser Partnerschaft beide Seiten.

    Wenn ein Festival seine Identität so stark über Gemeinschaft definiert, stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wer tatsächlich Teil dieser Gemeinschaft sein kann.

    Mit „Kultur für alle“ arbeitet das ROCKHARZ deshalb seit Jahren daran, Menschen mit Behinderung einen möglichst selbstverständlichen Festivalbesuch zu ermöglichen. Aus diesem Engagement ist mit „Ungehindert dabei“ inzwischen ein Ansatz entstanden, der über das eigene Festival hinausreicht und auch andere Veranstalter dabei unterstützt, ihre Angebote zugänglicher zu gestalten.

    Unter einem Pavillondach sitzen Gäste in Rollstühlen auf einer erhöhten Plattform, eine Helferin im roten Team-Shirt beugt sich zu einer von ihnen; dahinter das volle Festivalgelände und die Bühne
    Blick von der Rollstuhlplattform auf die Bühne und das Publikum. Foto: Richter Katja | ROCKHARZ

    Wenn Gemeinschaft für euch so zentral ist: Was bedeutet das konkret für Menschen, die auf Festivals noch immer auf Barrieren stoßen? Und welche Rolle spielt dabei inzwischen eure Größe?

    Die Idee hinter „Kultur für Alle“ verfolgen wir auf dem ROCKHARZ ja bereits seit einigen Jahren, das hat grundsätzlich erst mal nichts mit der Größe zu tun. Wir wollen einfach jedem Menschen ermöglichen, unser Festival zu besuchen.

    Kultur ist aus unserer Sicht ein Recht für alle, und wir halten es für nicht hinnehmbar, dass Menschen mit Behinderung oftmals der Zugang dazu verwehrt bleibt, nur weil sie z. B. irgendwo eine Treppe nicht hochkommen.

    Also haben wir mit Betroffenen direkt gesprochen: Was braucht ihr, was erschwert euch den Alltag auf einem Festival, was müsste gegeben sein, damit ihr sorgenlos anreisen und ein paar Tage Musik genießen könnt?

    Wir haben dann versucht, Lösungen zu finden, Möglichkeiten zu schaffen und Sachen nach und nach umzusetzen.

    Die wachsende Größe des Festivals kam uns dann vor allem dahingehend zugute, dass man mit über 25.000 Gästen eine viel größere Öffentlichkeit erreicht.

    Ich finde, man hat als Veranstalter auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung, die man im Rahmen seiner Möglichkeiten wahrnehmen sollte.

    Eine der Möglichkeiten ist es, Dinge umzusetzen, die Menschen mit Behinderung den Besuch der eigenen Veranstaltung ermöglichen. Das kann im Grunde jede Veranstaltung auch mit nur 500 oder 1.000 Gästen tun.

    Eine andere Möglichkeit ist es, eine noch größere Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, voranzugehen und aufzuzeigen, dass und wie man Dinge lösen kann.

    Hier hat ein Festival mit über 25.000 Gästen natürlich eine viel lautere Stimme und kann viel mehr Aufmerksamkeit für ein Thema schaffen.

    Diese Möglichkeit ist zugleich auch eine Chance, die wir bewusst ergriffen und genutzt haben, weil uns das Thema wirklich am Herzen liegt.

    Das Engagement, welches der Verein „Ungehindert dabei“ verfolgt, nämlich Lösungen mit und für andere Veranstaltungen zu erarbeiten, um diese barriereärmer zu gestalten, hat sicher ebenso ein größeres Gewicht und eine größere potenzielle Reichweite durch die Erfahrungen und Beteiligung eines Festivals unserer Größenordnung.

    Es geht uns aber nicht darum, wie wir als ROCKHARZ sein wollen, sondern darum, dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass Menschen mit Behinderung die Möglichkeit haben sollten, JEDE Veranstaltung zu besuchen, die sie besuchen möchten.

    Wenn du heute einfach als Besucher auf dem ROCKHARZ unterwegs wärst, ohne organisatorische Aufgaben: Wo würdest du dich hinstellen, und welchen Moment des Festivals würdest du einfach genießen?

    Ich würde mich etwas weiter hinten, vor den FOH, zwischen die beiden Bühnen stellen, bzw. lieber setzen, und von dort das Treiben um mich herum beobachten und gleichzeitig einen guten Blick auf die Bands haben.

    Alternativ wäre auch ein Liegestuhl auf dem VIP-Podest okay. Lacht.

    Da ich aber tatsächlich kaum lange an einem Platz sitzen oder stehen kann, würde ich wahrscheinlich einfach den ganzen Tag über das Gelände flanieren.

    Mindestens einmal müsste ich dabei hoch zur Teufelsmauer gehen, um den unvergleichlichen Blick über das Festivalgelände in der Abenddämmerung zu genießen.

    Das habe ich in all den Jahren tatsächlich mal getan, und dieser Moment gehört noch heute zu den prägendsten und eindrücklichsten Erinnerungen an ein ROCKHARZ.

    Wenn wir uns in zehn Jahren noch einmal über das ROCKHARZ unterhalten: Was sollte sich bis dahin weiterentwickelt haben, und was darf auf keinen Fall verloren gegangen sein?

    In zehn Jahren sollten Inklusionsbemühungen nichts mehr sein, was man extra thematisieren und hervorheben muss, sondern so selbstverständlich und alltäglich wie Pommes und Bier.

    Auf keinen Fall verloren gegangen sein sollte das Gefühl, dass man sich hier zwischen Freunden und Familie wiederfindet, selbst wenn man von wildfremden Menschen umgeben ist, und dass man für eine Woche das Leben anhalten und eine Auszeit genießen kann und sich am Samstag bei Buddys obligatorischer Abschlussrede schon wieder aufs nächste Jahr freut.

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